Ich habe es doch geahnt: die meist verbreitete Philosophie der Kaiserzeit, entweder bezeichnet als Stoa oder als Neuplatonismus (beides moderne Klassifikationen) bemänteln nur den Mangel eines Wissens, das die Philosophiehistoriker entweder nicht haben oder, was ich eher annehme, nicht haben wollen.
Das Indiz, welches mir in dieser Beziehung in die Hand fällt, ist auch ihnen wohlbekannt und ist als solches ihr Beleg dafür, dass es sich bei der Philosophie der Kaiserzeit um Platonismus gehandelt hat: die „ungeschriebene Lehre“ die gemeinhin Plato zugeschrieben wird, aber wenn eines sicher ist, dann dies: sie stammt nicht von Plato.
Was man über die „ungeschrieben Lehre“ sicher sagen kann, stammt zu einhundert Prozent aus dem geistigen Formenkreis der Gnosis und ist die beste Kosmologie, die je in ihrem Umkreis entworfen wurde. Als Umkreis offenbaren sich dem Kundigen die Lehren der Miriam, jener Frau, die nie die „Geliebte“ aber immer die intellektuelle und kongeniale Gefährtin Jesu gewesen ist und deren Lehren seine eigenen um Jahrtausende überlebt haben.
Erstes und wichtigstes Indiz für die Herkunft der „ungeschriebenen Lehre“ aus dem geistigen Formenkreis der Gnosis ist ihre Metaphysik. Die griechische Denkweise kennt kein metaphysisches Denken, all ihre Systeme sind immanent, ihre Götter wohnen auf Bergen und im Meer oder unter der Erde, der Himmel ist ein leeres Rund über einer seit Ptolemaios immerhin kugelgestaltigen Erde, an welchem die Sterne als sozusagen himmlische Ordensgalerie ihre Bahnen ziehen, denn sie wurden nach Heroen und anderen Gestalten der Mythologie benannt oder nach bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Sein bedeutete dem Griechen schlicht das Sein auf Erden, ein anders kannte er nicht. Das Moment der Transzendenz hingegen war ihm wohl bekannt, Götter wurden zu Menschen und Menschen zu Göttern und ein ungreifbares Schicksal waltete über der Welt und in der Welt, dem Menschen einmal fühlbar, einmal nicht. Götter erschienen als Menschen und Ideen erschienen als reale Dinge ohne deshalb eine metaphysische Existenz zu besitzen – sie kreisten wie die Fixsterne am Firmament und warfen wie Mond und Sonne ihr Licht gegen die Wände der Höhle, in der die Menschen saßen und ihren Schatten betrachteten. Außerhalb der Höhle herrschte das wirkliche Leben – aber es herrschte ebenso auf Erden, wie zuvor das Leben in Täuschung dort geherrscht hatte. Ein Universum oder gar einen Bereich jenseits des Universums kannte das Griechentum nicht und so auch nicht Plato. Die Philosophie der Griechen und darauf kann man sich verlassen, war und blieb stets erd- und menschengebunden. Diese Lehre aber ist genau das nicht.
Da sie das nun nicht ist, bringt sie den Philosophiehistoriker in Erklärungsnot, es gibt verschiedene Modelle, die beide einen Teil der Wahrheit beschreiben ohne ihn wirklich zu erkennen, dabei liegt er doch offen wie der Brief auf dem Tisch, aber den fand ja auch niemand, eben weil er so offen auf dem Tisch lag. Wer es weiß, wird es aber wiedererkennen: wir haben es hier mit der maßgebenden Teleologie der Gnosis zu tun, mit den uranfänglichen Verhältnissen von Ordnung und Chaos – für den Eingeweihten mit dem Verhältnis der ersten ungeteilten Kraft zur zweiten in sich geteilten und so auch zerrissenen. Diese beiden bilden samt den Implikationen der zweiten Kraft eine Einheit, aber die zweite Kraft strebt fortwährend danach, von der ersten unabhängig zu werden, was nicht geht. Dabei schafft sie die Dinge, die von der ersten Kraft mit Dauer und innerem Leben erfüllt werden und sich dementsprechend auch nach Ordnung und nicht nach unbestimmtem Chaos wie Herzensverstand oder Bauchvernunft oder was es da noch für krauses Zeugs als Rechtfertigung für ungeordneten Geist und schwachen Verstand gibt, streben. Der Römer, der der neuen Philosophie anhing, und das waren sehr viele, verachtete diese „Gemütsmenschen“ herzlich, aber natürlich ließ er sie leben, er bedachte wohl, dass auch sie ihre Qualitäten haben mochten, auch wenn es nicht die eigenen waren. Was konnten diese Menschenkinder dafür, wenn sie sich selbst nicht im Griff hatten…. es hatte ihnen ja niemand beigebracht, wie man dahin kommt und so taten sie sich im Taumel ihrer wechselnden Gefühle und assoziativen Gedankenfetzen gütlich. Es tat sich eine Kluft zwischen denen auf, die diese Philosophie als Grundlage ihres Lebens akzeptiert hatten und denen, die weiterhin in einer archaisch intuitiv bestimmten Sphäre lebten. Während die Einen einen offenen, über das Vorfindliche weit hinausgehenden Begriff von Sein hatten, war und blieb Sein für die Anderen an die irdischen Verhältnisse gebunden.
Die Urheber dieser Philosophie waren mit der Zeit infolge ihrer massiven Verbreitung vergessen worden – kein Wunder, dass sich die Philosophen gegen den Anspruch einer neuen Religion, dass ein gewisser Jesus deren Urheber gewesen sein sollte, mit Händen und Füßen wehrten. Sie wussten zumindest dies: dass er es nicht gewesen war. Ehe ein Judenbengel eine solche Lehre begründete, dachten sie, dann schon lieber Plato, der ein echter Grieche gewesen war. So schrieben sie die „ungeschriebene Lehre“ ihm zu in der Hoffnung, dass niemand sich im Ernst die Mühe machen würde, dem akribisch nachzugehen. Sie sollten sich nicht verrechnet haben, denn nicht einmal Plotin erkannte, in der Philosophie erzogen, dass Plato der Urheber nicht sein konnte. Er erkannte nur, dass sie zu dem, was er als Gnosis kannte, nicht passte, ja dass die Gnostiker seiner Zeit sich sogar in offener Gegnerschaft zu dieser Lehre befanden und dies entsprach ja auch der Wahrheit. Die Gnosis seiner Zeit war eine regelrechte Religion, die lediglich Versatzstücke wie eine Garnitur malerisch über ihren „Kuchen“ verteilt hatte.
Den Sieg trug indes nicht die antike Philosophie davon, sondern eben jene Religion, gegen welche die Philosophie sich so vehement gewehrt hatte. Denn diese Religion erwies sich als nützliches Instrument um eine obsolet gewordene Staatsreligion vollwertig zu ersetzen. Sie hatte alles, was man für eine solche benötigt: einheitliche mythologische Vorstellungen, einen fest gefügten Kult, hierarchische Strukturen, ein soziales Netz und an ihren Dogmen war, ehe sie zur Staatsreligion wurde, eifrig gefeilt worden. Die Philosophie geriet in Vergessenheit, wurde hier und da sogar regelrecht verfolgt, weil sie die Eigenschaft hatte, die Menschen geistig unabhängig zu machen. Aber desungeachtet bestand sie weitere tausend Jahre, ehe sie durch das Christentum endgültig ausgerottet werden konnte. Aber die Umstände, die dies möglich machten, hatten nichts mehr mit der eigentlichen Philosophie zu tun, sondern mit jener Afterreligion, die sich den Namen der Gnosis angemaßt hatte.