Ich meine mich zu erinnern, dass es Heidegger war, der die deutsche und die griechische Sprache allein für philosophische Zwecke tauglich befunden haben sollte. Die griechische Sprache, soll er gemeint haben, eigene sich durch ihren Reichtum an Wortfindungsmöglichkeiten, die deutsche durch ihren Reichtum an Nuancen. Ich kann nichts weiter tun, als ihm oder dem, der dieses Wort immer gesprochen hat, zuzustimmen, da ich beide Sprachen kenne. Aber ich will mich hier vornehmlich der eigenen widmen.
Es ist nicht nur der Nuancenreichtum, der die deutsche Sprache auszeichnet, sie besitzt auch eine Reihe verborgener Schönheiten, die sich nur dem entschlüsseln, der künstlerisch mit ihr umgeht. Da ist einmal ihre schlichte Grammatik, die keineswegs immer den Schema: Subjekt, Prädikat, Objekt folgen muss, sondern in der Abfolge ihrer Syntax in wunderbarer Weise frei ist und dadurch für einen, dessen Muttersprache nicht Deutsch war, nahezu unentwirrbar werden kann. Nahezu alles an dieser Syntax kann verändert werden, das Subjekt kann den Schlusspunkt der Aussage bilden, das Objekt seinen Anfang, diverse Nebensätze verschiedensten Charakters können die Aussage des Hauptsatzes unterbrechen, kurzum, die deutsche Sprache kann, literarisiert, genau dem individuellen Sprechrhythmus der verschiedensten Personen folgen: von unbeholfenem bis zu hinterlistig verschachteltem Ausdruck. Ein deutscher Satz kann hinten zurücknehmen was er vorn behauptet hat, ohne seinen Fluss zu unterbrechen und er kann Wesentliches mitten in einer Reihe von Sätzen und Nebensätzen unauffällig platzieren und damit einfache Gemüter zur Verzweiflung bringen. Sogar deutsche Muttersprachler kommen in Verlegenheit, wenn sie die deutsche Consecutio temporum durchhalten sollen oder wenn sie im Auge behalten sollen, welchem Subjekt oder Objekt ein bestimmter Plural oder Singular nun verbal folgen soll. Wie oft zucke ich selbst in renommierten Zeitungen und Zeitschriften zusammen, wenn wieder einmal eine singuläre Form da steht, wo eigentlich eine plurale hingehören würde oder umgekehrt.
Aber diese kurze Passage über die syntaktischen Möglichkeiten – es gibt noch viel mehr – ist es nicht allein. Die deutsche Sprache besitzt eine fantastische Alchemie der Klänge, sie besitzt sie mehr noch als die französische, aus der Rimbaud einst diesen Begriff der Alchemie des Wortes destillierte. Man kann die Stimmung eines Textes mit Hilfe der verwendeten Buchstaben geradezu lenken, kann die Quantitäten und Qualitäten keineswegs nur von Vokalen und Umlauten, ausnutzen, um mit ihrer Hilfe vertrackte Klangbilder zu schaffen – und muss dabei nicht einmal auf eine entsprechende Gesamtaussage verzichten. Ob man eine Passage mehr grundtönig, eintönig oder obertönig „registriert“, ob man mehr weiche oder mehr spitze Konsonanten verwendet, mit Zischlauten sparsam oder reichlich umgeht – all das kann in einem Text Bedeutung bekommen. Auch Verbformen haben Anteil an dieser Alchemie – man kann einen Text durch zu viele Partizipien geradezu zugrunde richten oder mit einem richtig platzierten Passivum regelrecht wie um eine Achse aufrichten. Und dann noch die Satzzeichen, diese Taktstriche der literarischen Partitur, die ihre Stimmführungen ordnen in fließenden Text, kurzes, halbwertiges und längeres Innehalten, die leichte Hebung angesichts eines Fragezeichens, die grundwertige Betonung angesichts eines ausgerufenen Satzes, das leise Verebben einer nicht zu Ende geführten Aussage, die entweder nicht zu Ende zu führen ist, oder von jemand Anderem zu dem Ende geführt werden soll, das er wünscht, dargestellt in den drei Punkten.
Die deutsche Sprache besitzt einen hohen Grad an Musikalität gerade dadurch, dass sie nicht so mit Vokallauten überfrachtet ist wie die romanischen Sprachen und auch nicht an Lautverzerrung leidet, wie die angelsächsischen, auch nicht zur Verwaschenheit neigt, wie die slawischen – sie ist hierin weitläufig dem Arabischen vergleichbar, aber nur sehr weitläufig, denn dieses ist ganz anders aufgebaut als das Deutsche, kennt Formen, die sich im Deutschen als entbehrlich erwiesen haben und fortgefallen sind. Seine Laute sind präzise wie Noten das, was sie zu sein vorgeben, es sind reine Klänge, „blue Notes“ finden in der deutschen Sprache nicht statt oder es sind Importe, respektive Dialektformen, denn auch die deutsche Sprache hat ja ihre Geschichte, ehe im sechzehnten Jahrhundert aus einer Spielart des Sächsischen gemischt mit niederdeutschen Wendungen das Hochdeutsche als Literatursprache erst entstand – es ist eine junge Sprache und entsprechend ist es eine biegsame Sprache. Aber die Musikalität des Deutschen offenbart sich nicht in Kreischen und Krächzen, sie offenbart sich auch nicht in möglichst planen Verschleifungen und Alliterationen. sie ergeht sich nicht in Aneinanderreihung vokaler Artikulationen, sondern ihre Musikalität gilt dem feingeschliffenen Detail im Dienst des Gesamteindrucks. Daher wirkt das Deutsch, das Fremde sprechen, immer, auch wenn es perfekt beherrscht wird, etwas unbeholfen und unbeseelt. Wer diese Sprache nicht in seiner frühesten Jugend lernte, wird sie zwar korrekt sprechen und schreiben können, aber er kann nicht mit ihr spielen. Daher ist es unglaublich schwer, gute Übersetzungen aus dem Deutschen zu finden, obgleich, muss ich zugeben, mir einige wenige begegnet sind; eher aber ist wohl der umgekehrte Weg möglich.
Eigentlich wortschöpferisch ist das Deutsche allerdings nicht. Hierin ist ihm das Angelsächsische bei weitem überlegen – aber dafür verfügt das Deutsche über einen Stammwortschatz, der sich an Reichtum vor keiner anderen Sprache dieser Welt verstecken muss – und wo ihm etwas fehlt, adaptiert es dies unbedenklich aus allen Sprachen, die ihm geeignet erscheinen und nicht selten entstehen neue deutsche Wörter hieraus, die die Sprache des Originals so gar nicht kennt. Ich denke hier an Formen wie dem doch so deutschen „Wind“ oder dem nicht minder deutschen „Fenster“, aber auch – die Aneignung geht weiter – an das eigentlich kerndeutsche „Handy“ und wer denkt schon noch daran, dass das Sofa eigentlich aus Arabien stammt, wie auch die Laute? Wer sagt als Deutscher schon „Warszawa“ – man sagt kurz und gut Warschau und wer sagt schon „Pari“ wenn er die Hauptstadt Frankreichs meint. Die deutsche Sprache nimmt sich was und wie sie es braucht und ist in gewisser Weise eben überhaupt nicht „politisch korrekt“ – wer das sein will, findet sich oft in Ungetümen wie den unsäglichen KollegInnen wieder, übrigens einer Kombinationsform aus dem Lateinischen in Unisex. Und welche Verrenkungen muss ein politisch korrektes Mundwerk machen, um einen Afrikaner zu bezeichnen, für den die deutsche Sprache das lateinische Lehnwort Neger (von niger, schwarz) bereit hält. Das englische Nigger ist eine herabwürdigende Form, sicher, das deutsche Neger ist nur sachlich sonst nichts. Aber wer weiß das schon. Wer hat schon einen solchen Überblick über die eigene Sprache? Der durchschnittliche Wortschatz beträgt etwa achthundert Wörter von vielen tausend möglichen. Der Wortreichtum mancher Prosa lässt mich erschauern und die Kunst der Lautalchemie in manchen Gedichten lässt mich beinahe erfrieren. von rhythmischen Strukturen schon gar nicht zu reden. Ja, das Deutsche ist aufgrund seines Mangels an Alliterationen nicht sehr geeignet für den poetischen Gleichklang von Zeilen, auch Reim genannt – dennoch gibt es auch im Deutschen gewaltige Reimdichtungen und in allen anderen rhythmischen Ordnungen ist das Deutsche seit Jahrhunderten zu Hause und kann sich zwischen ihnen mit einer Freiheit bewegen, die den Germanisten Angst und Bange machen kann. Nur ein deutsches Sonett ist eine immerwährende Kostbarkeit und für jeden deutschen Poeten eine immerwährende Herausforderung, nur ganz wenige sind jemals gelungen.
Womit aber soll man nun diesen kleinen Lobgesang auf die eigene, die deutsche Sprache beschließen? Vielleicht damit, dass ihre Entwicklung noch keineswegs an ihrem Ende angekommen ist? Vielleicht damit, dass sie ihrerseits nicht nur von anderen Sprachen nahm, sondern behutsam beginnt, anderen Sprachen auch zu geben? Vielleicht damit, dass nur sehr wenige Deutsche selbst ihre Sprache in voller Freiheit nicht nur beherrschen, sondern auch so anwenden? Oder vielleicht damit, dass eine vollendete Politikerrede in diesen Tagen die Quadratur des Kreises zu sein scheint? Und es sind doch meist ausgebildete Rhetoren, die diese Reden halten – es sind doch meist in ihrer Sprache geschulte Journalisten, die jene Artikel voller vorgestanzter Begriffe schreiben, in denen nicht ein Wort das andere gibt und der Leser ihnen atemlos folgt, sondern Kernsätze graphisch hervorgehoben werden müssen, damit überhaupt noch jemand den Artikel liest? Leute, Leute, was sind wir nicht auf den Hund gekommen, wenn wir nicht mehr unterscheiden können, wie ich neulich in der Berliner Zeitung las, zwischen dem Pfarrer auf der Kanzel und dem Professor auf seinem Katheder? In der Schweiz ist mir dieser Mangel schon begegnet, aber hier geht es doch nicht um einen mehr als halb atavistischen Dialekt, hier geht es um eine philosophiegerechte Sprache – wie Heidegger schon sagte. Und meine bange Befürchtung ist: es ist nicht mehr viel davon übrig. Oder irre ich mich da – ich irrte mich sehr, sehr gern.
Berlin, im Juli 2014
©Juliane Bobrowski