20.03.2010

Die Kunst der Disziplin

Die Kunst der Disziplin

Als ich aufs „Gymnasium“ wechselte (in der DDR fand dieser Wechsel erst nach der achten Klasse statt) bekam ich einen entsetzlich autoritären Deutschlehrer, den Herrn Wagner, auch genannt Karl der Große, denn erstens hieß er Karl mit Vornamen und zweitens war er eine sehr einprägsame Erscheinung. Er muss eine Erfahrung nahe der eines Traumas gewesen sein, wenn ich mich nach so lange Zeit noch an solche Details erinnere wie sein perfektes Radebeuler Sächsisch und seine „Fragen hinter der Tür“. Der Kerl schaffte es zwar nicht, mir den Gebrauch der deutschen Sprache und die Freude an deutscher Literatur zu vermiesen, aber die Stunden bei ihm waren wie man sich vielleicht denken kann, keine Freude. Von der „Oberschule“ her war ich jedenfalls einen durch und durch kreativen Umgang mit meiner Muttersprache gewöhnt. Hier lernte ich.. aber davon später. Es war nicht so, dass ich die Literatur, die ich las, nicht hätte gewichten können. Ich wusste schon sehr wohl, einen, sagen wir, ein Gedicht von Heinz Kahlau, von einem Bertolt Brechts qualitativ zu unterscheiden und war auch durchaus gelehrt worden, den Hintersinn in Worten Goethes zu verstehen.. aber dort hatte das Schwergewicht des Unterrichts mehr darauf gelegen, uns Liebe zur deutschen Sprache und Mut zu ihrem freien Gebrauch zu lehren. Hier aber ging alles unter in einem wie es schien mechanistischen Betrieb.

Als ich dann aber die Universität bezog, merkte ich etwas: ich vermochte es, den Anforderungen wissenschaftlicher Arbeit zu genügen. Ich hatte gelernt, wie man ein Thema umgreift, wie man es konzeptionell so behandelt, dass es sich dem eigenen Vorsatz fügt, wie man, heute für mich elementare Dinge, zitiert, fremde Meinungen einbaut, und wie man Randbemerkungen, die man doch für wichtig hält, dem Text eingliedert ohne denselben ideell zu zersplittern und zu zerspleißen. Ich hatte es ganz unter der Hand gelernt, ohne den Willen dazu zu haben, nur durch die uns von diesem Lehrer verordnete eiserne Disziplin, und meinen Mitschülern, nehme ich an, ging es genau so. Wir hörten auf, auf „Karl den Großen“ zu fluchen, stattdessen hätten wir ihm gerne einen Rosenstrauß auf sein Grab gelegt, denn er hat seine Pensionierung nicht lang überlebt.

Indem ich also beides, die innere Sicherheit des Umganges mit dem Wort und die äußere Disziplin beim Ordnen der Gedanken, des Eigenen und des Fremden, miteinander verband, war ich fähig, den Dingen Ausdruck zu verleihen, die mich bewegten und mit Hilfe der Sprache das zu ergründen, was mir zu ergründen wichtig und nötig erschien. Die Disziplin hatte mir nichts genommen als das Chaos – und mir dafür eine beherrschbare und beherrschte Welt gegeben, in der ich mich nach Belieben umtun mochte.

Nun aber höre ich von jemandem, der diese Disziplin gerade so entsetzlich fand, dass er seine Abneigung gegen sie auf alle Menschen überträgt, welche dieselbe gerade schätzen. Ich traf auf jemanden, der die Kunst des gedanklichen Führens und Überführens als üble Manipulation betrachtet, der Heranwachsende nicht unterworfen werden sollten. Ich traf auf jemanden, der allerdings in dieser seiner Einsicht so konsequent blieb, dass er seinen Beruf derhalben aufgab. Das kann ich nur respektieren – aber respektieren heißt nicht akzeptieren, auch wenn einige von uns diese beiden Begriffe als Synonyme gebraucht wissen möchten.

Für mich erhebt sich nämlich, bei allem Respekt vor einer individuellen Lebensentscheidung, die Frage, ob man mit Menschen derart verfahren darf, dass man sie sozusagen wie Robinson auf einer Insel in dieser Welt aussetzt und es ihnen allein überlässt ob sie es jemals lernen sich darin zu behaupten oder nicht. Sicher – der erste Mensch erfand das Feuermachen durch Beobachtung und grundsätzlich sind wir alle in der Lage, diese Erfindung irgendwann für uns noch einmal zu machen – aber er selbst gab dieses sein Wissen an andere weiter, hielt sie an, den von ihm gefundenen Schritten zu folgen, und die wiederum die es gelernt hatten, gaben es ihren Nachfahren mit auf den Weg, weil sie wussten, dass es für diese nützlich sein würde. Sie behielten das, was sie gelernt hatten, nicht für sich, sie schickten ihre Kinder nicht unwissend in die Welt hinaus – auch wenn diese sich dadurch oft manipuliert gefühlt haben mögen oder gar bevormundet.

Gewiss – man kann diese Erziehung zur Selbstdisziplin als der Mutter der Selbstentfaltung – und darauf läuft alle Wissensvermittlung letztenendes hinaus – auch missbrauchen. Es gibt kein Ding, keinen Weg und keine Regung des Menschen, von der er nicht auch einen unsachgemäßen Gebrauch machen könnte. Man kann, statt dem Menschen die Instrumente für dieselbe in die Hand zu geben, ihn auch mit diesen Instrumenten brechen. Wenn wir aber von dieser Prämisse ausgehen, wenn wir sie grundsätzlich als die Absicht aller Disziplin annehmen, dann bleibt uns nur noch, jede Sozialität, und jede Art der Kommunikation ganz und gar zu vermeiden – denn nur auf diese Weise bringen wir es dahin, keiner Manipulation mehr ausgesetzt zu sein. Nur indem wir an nichts als an uns selber mehr Anteil nehmen, sind wir der Gefahr, durch irgendetwas manipuliert = beeinflusst zu werden, entronnen. Nur indem wir das Feuer, das Rad und das Schießpulver sowie den Buchdruck und den Hausbau, Ackerbau und Viehzucht, Schmiede- und Schneiderkunst stets in unserem individuellen Leben völlig neu für uns entdecken sind wir sicher, nicht auch fremde Fehler in unsere eigenen Abläufe zu integrieren und wenn selbst fehlerhaft, dann doch wenigstens authentisch „falsch gewickelt“ zu sein. Es hat auf diesem bisherigen schlechten Weg der gegenseitigen Manipulation und Disziplinierung bereits Jahrzehntausende wenn nicht, was zu vermuten steht, sehr viel länger, gewährt, bis wir auch nur die grundlegendsten Prozesse unserer Welt einigermaßen beherrschten. Wenn jede der bis dahin aufgetretenen Generationen ihren Weg selbst zu den grundlegendsten Fertigkeiten wiederum selbst hätte finden müssen lässt sich leicht ausrechnen, wo wir zu diesem Zeitpunkt in etwa stünden. Mit viel Glück ständen wir immer noch da, wo der erste Mensch den Funken entfachte. Mit viel Glück deshalb, weil wir auf dem Weg dahin höchstwahrscheinlich längst ganz und gar von der Evolution aufgefressen worden wären – als unnütze Entwicklung, die sich nur knapp reproduziert und dann verendet. Wir wissen (sic!) dass Evolution in dieser Frage absolut keinen Spaß versteht wie sie ohnehin humorlos ist…

Auditur et altera pars: man höre auch den anderen Teil. Eine durch die Ereignisse eines grauenvollen Krieges völlig aus den Fugen aller ihrer Lebensentwürfe geratene Generation suchte inmitten von Trümmern nach irgendeinem Anknüpfungspunkt der es ihr ermöglichte, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Sie begab sich also, wie es jeder Einzelne auch tun würde, an den Punkt zurück, an dem alles zuletzt noch „in Ordnung“ gewesen zu sein schien – ich sage „schien“, weil bereits da ein Teufel im Detail steckte. Dieser Punkt schien ihnen das Leben vor dem Kriegsausbruch zu sein. Denn damals hatten sie – jedenfalls meistenteils – einen Hauch davon gespürt, was es bedeutet, wenn man in einer Gemeinschaft – zwar nicht bedingungslos – angenommen und respektiert ist. Wenn Fleiß und Ausdauer sich lohnen, wenn soziales und kommunales Engagement gefragt sind, wenn der Mensch und sei es als Glieder einer „Volksgemeinschaft“ etwas „wert“ ist. Sicher, dagegen standen eine Menge an Thesen, welche Menschen „lebensunwert“ sein sollten, keine Frage, aber diejenigen, die es „geschafft“ hatten, spürten auch die Kraft, die von „Tüchtigkeit und Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit“ ausgegangen waren. Diese Tugenden aber sind Elemente dessen, was man Disziplin nennt. Also knüpften sie dort wieder an, verdrängten den Rest und schufen – die bundesdeutschen Fünfziger Jahre. Dass sie nur „wieder wer waren“ weil es „drüben“ einen Kommunismus gab, dass man sie päppelte und stopfte, verdrängten sie ebenfalls. Egal warum, sie „waren“ jedenfalls „wieder wer“.

Diese Fünfziger und Sechziger Jahre waren, entgegen landläufiger Meinung, geistig keine tote Zeit. Es entstanden bemerkenswerte Leistungen nicht nur auf technischem, politischem und kommerziellem, sondern auch auf kulturellem Gebiet. Die Fünfziger und Sechziger Jahre kennen eine Reihe großer Dichter und Maler, großer Musiker und Architekten, es gab große Schauspielkunst und eine selbst im „leichten Sektor“ qualitativ hochwertige Medienlandschaft. Man nahm sich selbst ernst – und wurde ernst genommen. So hätte es weiter gehen können… nein, so hätte es nicht weiter gehen können. Wenn eine Gesellschaft soweit kommt, dass eine „Gelehrtenrepublik“ in Aussicht steht, ist es höchste Zeit, etwas daran zu ändern. Nicht ohne Grund wurde Platos Modell einer solchen nie verwirklicht. Eine solche Gesellschaft, die ihren kreativen, chaotischen Untergrund leugnet, begräbt sich selbst unter der Gewalt mit der das Verdrängte zum Ausbruch kommt. Der Mensch ist nicht nur „edel und gut“, sondern er birgt in sich alle Abgründe der Lotterei, der Widerspenstigkeit, des Tabubruchs, des absoluten moralischen und ethischen Chaos. Von allem Anbeginn sind es die Komponenten Ja und Nein, die ihn in seiner Entwicklung weiter treiben und keine der Komponenten kann sich auf Dauer auf Kosten der anderen durchsetzen und behaupten. Nur im freien Spiel beider Kräfte, der bejahenden und der verneinenden, ist Weiterentwicklung möglich und was sich nicht weiter entwickelt wird von der Evolution – nun, wir hatten das bereits unzählige Male. Wir bekamen es wieder.

Allerdings bekamen wir keine Revolution, sondern nur eine relativ maßvolle Reformation. Das daher, weil die opponierenden Kräfte in dieser Gesellschaft keine tiefe Basis fanden. Das „Volk“ war zufrieden mit den Lösungen, die es gefunden hatte, das „Volk“ sucht stets nichts anderes als seine Zufriedenheit und eine möglichst von Zerreiß- und Bewährungsproben verschonte Lebenszeit. Die hatte es: Arbeit und Wohlstand waren sicher, die dunklen Wolken am Horizont sah man noch nicht, von „Klassenkampf“ konnte angesichts einer funktionierenden patriarchalen Gesellschaft, in der jeder seinen Platz fand und hatte, keine Rede sein. Dennoch blieb auch diese Reformation nicht ohne Folgen – und mit diesen Folgen haben wir uns heute auseinander zu setzen, denn sie sind, für sich genommen, ebenso schädlich und unsinnig, wie es die perspektivische Sterilität der Verhältnisse vor 1968 war. Es reicht eben nicht aus, und das merken wir heute, nur die Badewanne einmal samt dem Kinde kräftig gegen den Bordstein zu schwingen. Dies aber und nur dies taten die „Achtundsechziger“, zu deren Generation ich selbst gehöre. Alles sollte anders werden und nichts wurde wirklich anders. Aus der „Selbsterfahrung“ wurde eine drogeninduzierte Ideologie der „Bewusstseinserweiterung“, aus dem „Klassenkampf“ eine rein akademische Auseinandersetzung um diverse gesellschaftliche Probleme, die allesamt ihre Heimat im Elfenbeinturm der Philosophie hatten und aus dem „Aufbegehren der Massen“ wurde eine beklemmend peinliche politische Sektiererei, die sich in ein paar spektakulären Einzelaktionen entlud, die allesamt eher ins Profil der Kriminalität als in das des politischen Widerstandes gehören. Es folgte nichts aus ihnen, die Reformation verlief, wie alle Reformationen die nicht von einer breiten Basis getragen werden, im Sande.

Oder doch nicht so ganz? Das einzige relevante Erbe aus dieser Zeit ist die „grüne“ Bewegung. Sie als einzige hat sich behaupten können und mit ihr eine Reihe von Forderungen, die seither mehr oder weniger zu Forderungen aller geworden sind: die Emanzipation der Frau, die Anerkennung der geschlechtlichen Andersartigkeit als gesellschaftsfähig, der – mehr oder minder – achtsame Umgang mit den Ressourcen der Gesellschaft – letzteres in stetem Ringen mit einem Kapitalismus, der noch unverändert den Idealen des neunzehnten Jahrhunderts huldigt, nur in größerem Rahmen, und die Augen bis in die jüngste Zeit vor allem verschloss, was wie ein Menetekel auch nur ausschaute. Aber ein eigentlich neues Konzept hat diese „grüne Bewegung“ auch nicht. Sie will das Alte nur auf eine neue Weise tun. Und – dazu gehört eine gute Portion Chaos, was durchaus ein dynamischer Fortschritt ist. Krach schlagen bringt schließlich nicht nur Scherben, sondern auch, wie man so sagt, Leben in die Bude. Die Zeiten sind denn auch längst vorbei, in denen man sich als Grüner auf das Stricken und Weben und das Absingen von Protestliedern beschränkte – heute machen „grüne“ Industrien und auch „grüne“ Banken bereits einen messbaren Teil unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit aus und als politische Partei sind die „Grünen“ von der deutschen Gesellschaft auf breiter Front zumindest als Faktum angenommen. Und noch etwas brachte uns die Achtundsechziger Reformation: die antiautoritäre Erziehung.

Damit wären wir wieder beim Thema Disziplin als Königsweg der Selbstverwirklichung. Denn genau damit, mit der Disziplin, wollte die Achtundsechziger Reformation gründlich aufräumen. Ihr Schlagwort hieß „Authentizität“ wie das Schibboleth der vorangegangen zwanzig Jahre Loyalität geheißen hatte. Man wollte nichts mehr mit den Tugenden der Väter zu tun haben, sondern und wenn möglich, im total freien Raum, sich selber verwirklichen so, wie man sich selbst in dem Moment gerade fühlte. Es konnte der größte Mist sein, was man tat, Hauptsache, es war „authentisch“. Jedes Zugeständnis an größere gesellschaftliche Bedingtheiten war verpönt, der selbst gewählte Kreis war der einzige soziale Rahmen, den man anerkannte. Alle andern waren nur Werkzeuge einer riesigen Manipulationsmaschine an die man mit beinahe paranoider Standhaftigkeit glaubte. Tüchtigkeit, Bildung, Gewissenhaftigkeit – wurden zusammen gefasst unter der Figur des manipulierten Spießers, der zwischen Arbeit und Konsum gerade mal noch Zeit – kaum je die Lust – fand, sich biologisch zu reproduzieren. Dass dieses Bild an Schiefheit nicht zu überbieten war, störte niemanden. Denn – endlich durfte man mal nach Herzenslust „herumsauen“. Nicht mehr arbeiten, nicht mehr irgendwelchen qualitativen Maßstäben genügen, nur noch in den Tag hinein leben, das „soziale Netz“ machte es ja möglich, wenn man sich nur schlau genug anstellte. Studenten legten sich in die Hängematten und bezogen BAföG bis sie Großeltern waren oder lagen so lange halt ihren spießigen Eltern auf der Tasche, aber sie lebten in ihren eigenen Augen „authentisch“ und „zwanglos“ und allein darauf kam es an. Ihre Kinder sollten, wenn möglich, in derselben Zwanglosigkeit aufwachsen wie sie sie sich errungen hatten. So perhorreszierten sie den bisherigen Schulbetrieb als obsolet und der seelischen Gesundheit ihrer Sprösslinge als abträglich und fanden, wie auch anders, die passenden Gurus – denn die Zahl der psychologischen und pädagogischen Modellvorstellungen war schon immer Legion, man muss nur suchen. Jegliche Anhaltung zu Disziplin, innerer wie äußerer, wurde verdammt. Wenn das Kind nicht wollte, sollte es auch nicht müssen. Der Lehrer konnte derzeit ja statt Wissen zu vermitteln, die Zeit für sich nutzen, einen Joint rauchen und so etwas für die Erweiterung seines Bewusstseins tun. Diese Bewegung der „Authentischen“ pflanzte sich dann fort in der No Future Generation der Achtziger, so dass man diese beiden Strömungen als eine Einheit sehen sollte.

Aber – um diese Zellen herum lebte und webte die wirkliche Welt weiter. Und diese wirkliche Welt spie sie, die da so authentisch daher kamen, als unbrauchbar aus. Was will man in einem Betrieb mit Menschen, die zwar mit ungeheurem Redefluss von den Wundern der halluzinogenen Vision (Alternative) und des Kommunismus (linke Punks) berichten können, aber nicht wissen, wie herum man eine Schraube dreht oder wie man einen PC bedient? Ups – das war nicht ganz das, wovon diese Kinder geträumt hatten, als sie in den Schulen den Lehrer provozierten oder ignorierten, je nachdem, um daheim für ihre Taten gelobt zu werden – denn der Wunsch nach Anerkennung durch die ältere Generation war ihnen natürlich, wie jeder Jugend vor ihnen, angeboren. Sie konnten zwar wunderbare Bilder malen, aber nicht zwei Stunden einer Vorlesung auf ihrem Hintern konzentriert sitzen bleiben. Sie konnten wunderbare Pausengespräche führen, aber wenn sie einen Seminarvortrag halten sollten, wussten sie nicht, wo beginnen und wie enden. Sie wussten nicht, wie eine Feile zu halten wäre, aber sie wussten, dass der Lehrmeister ein Spießer war und sie nicht auf ihn hören mussten. Sie konnten – und können – nicht rechnen, noch richtig schreiben oder flüssig lesen, zuweilen noch nicht einmal mündlich artikulieren – aber sie wissen, dass Lehrer sie nur manipulieren und deformieren will und dass sie ihre Ohren deshalb auf „Durchzug“ schalten sollten.

Und – haben sie damit so unrecht? Ist Bildung, ist Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten nicht immer auch Manipulation, indem nämlich einer der mehr weiß, einem andern was unter die Weste zu jubeln versucht, was der noch nicht weiß und dessen Qualität er daher auch nicht prüfen kann. Er muss sich auf des andern Redlichkeit verlassen. Das fällt schwer. Denn – wie soll man entscheiden, wem man vertraut, wenn man keine andere Instanz berufen kann als sich selbst und ein anerzogenes Dogma, das jede Art der Vermittlung von etwas als Manipulation ablehnt? Wenn man in dem Glauben erzogen wurde, dass man alles aus sich selbst heraus wachsen lassen muss? Wenn man nie gelernt hat, Eigenes und Fremdes zu einer dialektischen Einheit zu verbinden? Wie soll man Wissen je zu schätzen lernen, wenn man es immer nur mit der manipulatorischen Persönlichkeit des Vermittlers von solchem zu verbinden gelernt hat, und niemals als den Schatz begriffen hat, zu dem der Vermittler uns nur die Türen öffnen will? Tötet die Forderung nach Disziplin, nach Stillehalten, Zuhören und Mitdenken nicht unsere eigene Authentizität ab? Ist nicht sie allein das Maß aller Dinge? Ist, irgendwo zu „folgen“ nicht der Anfang von Selbstaufgabe? Wer hat nicht alles Pirat werden wollen und wurde dann Buchhalter und war und ist dies nicht die Katastrophe der Selbstbestimmtheit? Das kann sie zumindest werden – falls man sich nämlich über das Wissen, über die Fertigkeiten die man erlangt, selbst definiert. Falls man also die innere Freiheit nicht besitzt, die es einem erlaubt, mit den Dingen, die man erfährt, dann nach eigenem Gusto zu verfahren, wie das Kind mit seinen Bausteinen nicht die Häuser baut, die im Prospekt stehen, sondern ganz anderen – nachdem es gelernt hat, anhand es Prospektes, Häuser überhaupt erst zu bauen. Die Frage ist doch;: gebrauchen oder sind wir unsere Disziplin? Wenn wir sie sind – wehe uns – wenn wir sie gebrauchen wo sie notwendig ist – wohl uns. Wenn wir sie nie erlernt haben, allerdings, sind wir verloren. Ein Hochspringer, von der Natur begünstigt wie sonst kaum jemand, verliert doch gegen einen sehr viel weniger perfekt ausgestatteten Konkurrenten, weil er glaubt, dem Naturtalent keine Fertigkeiten mehr hinzu fügen zu müssen. Dieselben aber erlernt er nur mit Disziplin, mit dem harten aber auch fröhlichen Wollen dessen was ihm gegeben werden kann.

Fröhlich – ja, fröhlich. Denn die Anstrengung des An Sich Haltens lohnt. Sie lohnt in dem Moment, in dem wir spüren, dass wir uns los lassen können, der Schritt, lange und mühevoll geübt, gelingt ohne dass wir über ihn nachdenken, ja ohne dass wir ihn wollen müssen. Wir setzen nicht mehr einen Fuß vor den andern – wir schweben. Das Ziel, das wir sehen, und unser Weg dahin sind eins. Wir sind schon da, während wir noch dahin streben. Das sind die Früchte der Disziplin. Indem wir uns selbst zu zügeln lernen, bereiten wir uns auf die Freiheit vor, die uns erwartet. Dazu nimmt man sich selbst und seine Authentizität zurück – nicht um diese aufzuopfern, sondern um ihr das zu geben, was ihr noch fehlt – die Vernetzung mit der Authentizität des Anderen. Das Sich Anvertrauen dem, der „es besser weiß“ lohnt. Denn zuletzt ist es nicht sein Horizont, den man übernimmt, sondern es ist der eigene Horizont, der sich weitet. Die Gefahr, sich selbst aufzugeben, bestand nie – denn alles, was von andern zu uns kommt, kann nur wirken, wenn es sein Echo in uns findet. Es ist gut, wenn wir von dem, was in uns nicht widerhallt, wissen – aber wir brauchen nicht zu fürchten, dass es uns verschlingt und uns uns selbst entfremdet. Zudem – Disziplin erweist sich auch als vorteilhaft für Sozialisierung und Kommunikation. Wer stets nur auf der eigenen Sprachregelung besteht, der wird es schwer haben, verstanden zu werden. Wer sich selbst stets zum Mittelpunkt seines Kosmos macht, der wird es schwer haben, Nähe zuzulassen. Man kann sich gewiss nicht uferlos zurück nehmen, das ist wahr, irgendwann stößt solch ein Begehren an seine Grenzen. Aber man kann es öfter als man denkt und nicht jeder Gedanke, der mit einem andern gedacht wird, ist eine Sünde wider das Eigene. Nicht alles, was uns Vorschläge macht, will uns vereinnahmen. In dieser Beziehung ist der auf Authentizität Bedachte sehr viel angstbeladener als der, der ihr im Vertrauen auf sich selber nicht diesen entscheidenden Rang im eigenen Profil zuweist. Wer sagen kann. Gehen wir doch einmal ein Stück mit . hat auf jeden Fall und wie auch immer, von diesem Stück mehr, als derjenige, der ängstlich darauf bedacht sein muss, die eigenen „Authentizität“ gegen alle Ansprüche von „Disziplinierung“ zu verteidigen. Solche „Freiheit“ macht unfreier als die schwersten Sklavenketten. Wer ständig von Furcht vor eventueller Manipulation erfüllt ist, offenbart im gleichen Zuge ebenso viele Persönlichkeitsdefizite.

Vor vielen Jahren sagte eine Mitschülerin zu mir: Du hast große Gefühle, aber wenn du diesen Gefühlen nicht auch Gedanken an die Seite stellst, wenn du diesen Gedanken nicht auch mit Wissen und Disziplin befestigst, und zudem mit Geduld, wirst du mit allen deinen Gefühlen nichts zuwege bringen. Ich habe diesen Rat seither so gut ich konnte beherzigt. Ich denke einmal, ich habe mich dabei nicht „verloren“.. . aber ich weiß ebenso gut, dass man nichts was einen selbst betrifft, verallgemeinern kann. Denn, mit bedingt durch den Rat dieser Mitschülerin, hat mein Leben eine bestimmte Wendung genommen, die für andere, deren Leben eine andere Wendung nahm, weil sie sich vor allem darin übten „authentisch“ zu sein, und alles „Fremde“ abzuweisen, nicht mehr aufzuholen ist, gesetzt sie wollten das auch nur. Ich weiß, manchen hätte man eher treffen sollen…

Hinterlasse einen Kommentar

Dein Kommentar:

Kategorien