18.12.2011

Das nationalsozialistische Deutschland – 2. Hintergründe, die zum Aufstieg führten

Guten Tag zusammen!

Nach den einführenden Überlegungen zum Nationalsozialismus als internationales Forschungsthema soll nun das erste Hauptkapitel folgen:

„Der Aufstieg des Nationalsozialismus bis zum 30. Januar 1933.“

Der Aufstieg des Nationalsozialismus weist viele identifizierbare Entwicklungslinien auf. So könnte man sich auf die Geschichte der nationalsozialistischen Bewegung konzentrieren, entsprechend auch auf die der der NSDAP, welche als nationalsozialistische Partei über die Jahre der Weimarer Republik bis ins Jahr 33 fungierte. Das wäre jedoch eine relative Engführung der Thematik und würde nicht zu einer befriedigenden Endbetrachtung führen.
Über eine zweite Analyselinie könnte der Versuch unternommen werden, die Geschichte der NS-Bewegung, respektive die der NSDAP mit der politischen Geschichte der Weimarer Republik zu verknüpfen. Zeitlich könnte man mit den Ereignissen nach der Kriegsniederlage 1918 und den darauffolgenden Revolutionen 1918/19 beginnen. Zudem wären radikal-extreme Angriffe auf die Republik mit ihrer liberalen, demokratischen Ordnung zu nennen. Ein Stichwort wäre hier auch die Inflation 1923.
Gerade vor diesem Hintergrund böte sich eine ausführliche Betrachtung der NSDAP an. In das Blickfeld würde zudem die 1924 stattgefundene Scheinstabilisierung – „goldene 20er Jahre“*, rücken. Und immer wieder der Blick auf die DAP / NSDAP mit Wahlergebnissen, Wahlerfolgen und so fort geworfen werden. Über dieses Analyseraster käme man zu der späteren Wahlphase der NSDAP, der Wirtschaftskrise 29/30, der Zerstörung der Weimarer Republik und schließlich zur Radikalisierung des politischen Spektrums auf der linken und rechten Seite. Im Fokus läge also eine Staatskrise, die durch politische und ökonomische Krisen gespeist wurde.

Ein dritter Betrachtungsversuch könnte den Aufstieg des Nationalsozialismus als Teil breiterer und vor allem weiter als 1918/19 zurückreichender sozialkultureller Entwicklungen charakterisieren. Das meint vor allem jenen Aufstieg so zu betrachten, dass er, gerade in den Jahren nach 1918, als Ausdruck breiterer gesellschaftlicher Entwicklungen, deren Beginn man schon im späten 19. Jahrhundert festmachen kann, identifizierbar wird.
Somit gelange man zu einer Deutung des Nationalsozialismus als radikalisierten Nationalismus, dessen Genese keineswegs mit 1918/19 initiiert wurde. (Ein völkischer Nationalismus sowie auch der Antisemitismus reichen nämlich viel weiter zurück.)

Mein persönlicher Versuch kommt dem Bild konzentrischer Kreise mit dem Nationalsozialismus als Schwerpunkt nahe. Dafür werde ich die unterschiedlichen eingangs genannten Entwicklungslinien miteinander verschränken und richte zusätzlich meine Aufmerksamkeit auf die NSDAP und deren Entwicklung zur Massenpartei. Ziel der Analyse wird es sein die Geschichte der Partei mit der Geschichte der Weimarer Republik zu verbinden sowie tiefere Betrachtungen bezüglich völkischer/nationalistischer Ansichten u.ä. anzustellen.

Der Ausgangspunkt meiner Betrachtung, der im Grunde genommen ein verbindendes Merkmal der Literatur darstellt, ist der erste Weltkrieg. Ohne denselben kann die Geschichte des Nationalsozialismus nicht verstanden werden.
Der amerikanische Diplomat und Historiker George F. Kennon sprach in den 50er Jahren vom erstem Weltkrieg als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Kennon war ein Historiker, der sich primär mit außenpolitischen Fragen beschäftigt hat und im 1. Weltkrieg den Keim für alle weiteren Entwicklungen im 20. Jahrhundert sah..

Er erkannte zwei Entwicklungen mit großer Wirkungsmächtigkeit im 20. Jahrhundert: Zum einen das Ende des Zarenreiches und der Revolution Russlands, was zum Aufstieg des Kommunismus führte. Eine Perspektive übrigens, die eng verbunden mit dem kalten Krieg ist, welcher den zeitlichen Hintergrund vor dem Kennon schreibt und arbeitet repräsentiert. Zum anderen Versailles als den Versuch einer Neuordnung des internationalen Systems, dem „Versailler System“. Dabei hing laut Kennon ein breiter Revisionismus, welcher sich auf dieses System bezog und am stärksten in Deutschland ausgeprägt war, eng mit dem aufsteigenden NS zusammen.

Kennons Rückschluss hilft das Ganze aus einer zeitlichen Perspektive zu verstehen. Dass sein Diktum von der Urkatastrophe sich im weiteren Verlauf der Geschichtsbewertung verselbständigte, zeigt, dass Kennon eine offenbar zutreffende Sichtweise eingenommen hatte.

Aber der erste Weltkrieg ist vor allem in den Dimensionen von Kriegserlebnis, Kriegserfahrung, Kriegswahrnehmung und Kriegsdeutung in der deutschen Gesellschaft von großer Bedeutung.

So ist ein wesentlicher Bezugspunkt der August 1914, dem sogenannten „Augusterlebnis“: Die Ideen von 1914 als Topoi zum Kriegseintritt mit der Wahrnehmung, dass in der Situation des Kriegsbeginns die Deutschen wieder zu einer festen Gemeinschaft zusammenwachsen. Am sinnfälligsten hat sich dazu Kaiser Wilhelm II geäußert.: „Ich kenne keine Partei mehr, ich kenne nur noch Deutsche“. Der Eindruck einer „Burgfriedenskonstellation“ führte im Antlitz des Krieges zu der Empfindung einer nationale Gemeinschaft in Deutschland. Die Herstellung derselben fand schon 1870/71 im Krieg und durch den Krieg gegen Frankreich, nicht nur staatlich, sondern auch kulturell, statt, was maßgeblich Einfluss auf die Perzeption der breiten Masse hatte.

Es entstand eine Idee elementaren Ausmaßes: Diese Kriegsanstrengung, der man sich nun gegenübersieht, könne eine tief fragmentierte, stark zerklüftete nationale Gesellschaft wieder einen – durch den Krieg, im Krieg.

Zwar war die Kriegsbegeisterung in Deutschland keineswegs einvernehmlich, aber das war nicht wichtig. Denn in den nationalen Medien wurden enthusiastische Pro-Kriegs-Stimmungen permanent transportiert und vom Volk euphorisch aufgenommen, wobei die ländliche Bevölkerung zunächst außen vor gelassen wurde.

Während in Deutschland vehement eine Militärmonarchie mit dem Ziel der nationalen Einheitsstärkung über diesen Krieg gefordert wurde, orientierten sich Länder wie Frankreich oder GBR am westlich-liberalen Weg und verfolgten antagonistische Konzepte. So wurden in Frankreich die „neuartigen“ deutschen Ideen den französischen von 1789 – dem Individuum als Ausgangspunkt gesellschaftlicher und politischer Ordnung im Gegensatz zu einer Ordnung, die von Oben, vom Staat her, von der Nation her gedacht wird, gegenübergestellt.

Ein Begriff, der in dieser Zeit immer wieder auftauchte, ist der Begriff der „Volksgemeinschaft“. Damit war aber noch nicht notwendigerweise die später vom NS diktierte, rassisch assoziierte Volksgemeinschaft gemeint. Vielmehr zeigt sich dieser als eine Hymne auf das Volk, welches mit Kriegsbeginn Zerklüftungen nationaler Natur überwinden könnte. Gerade die Parole von „Volksgemeinschaft als Überwindung der Klassengesellschaft“ genoss eine enorme politische Attraktivität.

Dazu zwei Literaturvorschläge:

Jeffrey Verhey:“ Der Geist von 1914 und die Erfindung der Volksgemeinschaft.“ und Steffen Buendel: „Volksgemeinschaft oder Volksstaat Die Ideen von 1914 und die Neuordnung Deutschlands im ersten Weltkrieg.“.

Mindestens ebenso wichtig für meine Betrachtung vor dem Hintergrund der Kriegsbedeutung 1914 ist das Kriegsende 1918. Die Wahrnehmung der Kriegsniederlage – das Entsetzen – das sich spätestens seit dem Frühjahr 1918, wenn nicht schon seit dem amerikanischen Kriegseintritt abzeichnete. Weniger wurde jenes Ereignis als eine Niederlage des Krieges in diesem Sinne verstanden, sondern vielmehr als der Zusammenfall einer 1914 entstanden nationalen Einheit. Der Untergang eines nationalen Konsens sei überhaupt verantwortlich für die Kriegsniederlage 1918 gewesen. Hätte diese nationale Gemeinschaft nämlich ihre Geschlossenheit gewahrt, wäre dieser Krieg nicht verloren gegangen. Es wurden scharfe Unterscheidungslinien zwischen militärischer Front und der Heimatfront unternommen. So war die Heimat, die die militärische Truppen nicht mehr zureichend unterstützt, mitverantwortlich für den deutschen Misserfolg. Gerade die „Dolchstoßlegende“ sei hier als Stichwort genannt: Die Heimat habe der im Felde unbesiegten Truppe den Dolch in den Rücken gestoßen. Dieser Topos, der schon 1917 begann, nahm in der Propaganda rechtsradikaler Lager vermehrt Gestalt an. So wirkte er insbesondere über Hindenburg und Ludendorff weit in die Geschichte der Weimarer Republik hinein. Es sei übrigens nicht nur die Heimat allein, sondern auch Parteien wie die liberale Partei, die Zentrumspartei und die SPD, die für den Zerfall verantwortlich gewesen wären. Sie traten dafür ein, diesen Krieg über einen Verständigungsfrieden zu beenden und nicht wie die Rechte es forderte, über einen Siegfrieden. Letzterer hätte zu einer entliberalisierenden, respektive entdemokratisierenden Transformation geführt.

Auch in diesem Sinne kann der 1. WK als Urkatastrophe, bzw. als von zentraler Bedeutung betrachtet werden.

Bevor ich mich in die Weimarer Republik begebe, will ich noch einen Blick auf die Zeit davor werfen. Die sogenannten Ideen von 1914, Volksgemeinschaft und so weiter, die Möglichkeit dass sich die Dolchstoßlegende etablieren konnte, müssen über retrospektive Betrachtungen analysiert werden. Man trifft nachgerade auf politische Mentalitäten, die eben nicht erst am 1. August 1914 entstanden, sondern die in ihrer Genese bis ins späte 19. Jahrhundert zurückverfolgt werden können.

Wo und wann entstand diese Idee der nationalen Gemeinschaft?
Natürlich war das 19. Jahrhundert ein Jahrhundert fundamentaler Nationalisierungsprozesse. Gesellschaften wurden durch und durch nationalisiert, überall gewann die Idee der Nation an Bedeutung als Orientierungsbegriff. Das ist für Frankreich ebenso feststellbar wie für England oder der USA.

Dazu kann noch in den Raum geworfen werden, dass die moderne Geschichtswissenschaft erst durch die Nationalgeschichte entstanden ist. Über diese wurde z.B. recherchiert, dass die deutsche Geschichte bis zur Hermanns- oder Varusschlacht zurückführt. Später entstanden übergreifende Herangehens- und Betrachtungsweisen, die schließlich eine Weltgeschichte konzipierten.

Die fundamentalen Nationalisierungsprozesse verbanden sich mit rasanten Modernisierungsprozessen: Die Entstehung der modernen Industriegesellschaft fungierte als Katalysator nationaler Identifikationsentwicklungen.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts kann die Entstehung der industriellen Massengesellschaft festgehalten werden. Und das gilt genauso für Deutschland wie für Frankreich und GBR.

Diese Entwicklungen, welche sich in Deutschland innerhalb kürzester Zeit vollzogen, erreichten nach einer Zeitspanne von etwa 30 Jahren (1860 – 1890) volle Präsens.
Dieser hochdramatische Lauf führte überall in der Gesellschaft zu einem breiten Spektrum von Krisenwahrnehmung. Modernisierung als Urbanisierung mit der eine Proletarisierung einherginge, wurde in einer gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung als gefährliche Zuspitzung empfunden. Dazu wurden neue soziale Konflikte zutage gefördert. Politische Konflikte, konfessionelle Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten (man denke an den Kulturkampf der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts), Spannungen zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung – Metropolen einerseits, wichtige ländliche Gebiete (u.a. die ostelbischen Ländereien Deutschlands) andererseits, traten als rasante Modernisierungsdynamiken hervor.

Darüber hinaus bröckelte die nationale Gesellschaft, die man noch zu erleben glaubte und die letztlich durch viele opponierende Lager unterschiedlicher Interessen zerfiel. Traditionelle Bindungen, die Orientierungen boten, zerfielen und ebenso kirchliche und ländliche Bindungen, die Eingebundenheit in vormoderne Gemeinschaften (Gutsgemeinschaft) und so fort. Genannt sind also Krisenphänomene, die vor allem zum Hinterfragen der verlorengegangenen nationalen Einheit führten.

In diesem Kontext verband sich die Idee der Nation immer stärker, gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mit einem bestimmten Begriff des Volkes: „Die Nation als deutsches Volk“. Eine derartige Entwicklung konnte derweil in anderen Ländern nicht beobachtet werden. Die Nation wurde nun als ein Mittel um diese nationale Geschlossenheit wiederherzustellen postuliert und der Parameter „Abstammungsgemeinschaft“ rückte vermehrt ins Licht. Ein Völkisches Denken nahm als Kernbestand desjenigen Denkens in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Gestalt an, Blutabstammung stand fortan im Mittelpunkt. Damit relativierte sich eine politisch begründete nationale Gemeinschaft und rassisches Denken kulminierte .
Als ein dazu passender Faktor kann die Abgrenzung nach außen gesehen werden: „Das Deutsche Volk versus das französische Volk“, „[…]versus das polnisches Volk“ und so weiter.

1873 bis 1896 entstand die „große Depression“. In Folge der zunehmenden Rezession und einer immer größer werdenden deutschen Nervösität wurde die Klärung der Frage nach Verantwortlichen gefordert. Klar war: es gab Verlierer und Gewinner. Da zu der Gewinnerseite jüdische Spekulanten gezählt wurden, erhielt im Zuge dessen der moderne Antisemitismus im völkischen Denken vermehrt Einzug. „Die Juden sind unser Unglück“ verkündete der Historiker Heinrich von Treitschke 1879 und kräftigte damit den Nährboden grassierender rassischer Ansichten. In folge dessen wurde der alte Antijudaismus, der primär aus religiösen Quellen gespeist wurde (Der Jude als Christusmörder) durch abstammungsbezogenes Denken modernisiert. Die Ansicht, Juden hätten keinen Platz mehr in einer völkischen Gemeinschaft, wurde lauter und geläufiger. Begründet wurde das vor allem damit, dass man eine rassische Abstammung nicht ablegen könnte, auch nicht durch das Konvertieren in andere Religionen. Dieses Kriterium gestaltete maßgeblich das völkische Denken.

Zu berücksichtigende Literatur zu diesem Thema:

Uwe Puschner: „Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich.“ sowie Ders. u.a. /HG.: „Handbuch zur völkischen Bewegung 1871-1918.“.

Damit sei der Kern des Antisemitismus 1870 angesprochen. Und in diesem Kontext muss nun auch die Kriegsniederlage 1817/1818 betrachtet werden. Wer war Schuld an den im Felde unbesiegten Truppen, die dennoch einen Waffenstillstand initiieren mussten?

Die Antwort erschließt sich nach vorangegangenen Überlegungen von selbst und in diesem Zusammenhang gewann der Antisemitismus eine noch größere politische Bedeutung, worauf das völkische Denken mit demselben in seinem Zentrum eine enorme Radikalisierung erfuhr.**

Die Kriegsdeutung wurde vor dem Hintergrund eines sich immer stärker manifestierenden völkischen Bewusstseins angewandt. Gerade Hitler selbst stilisierte solche Erfahrungen wie „Volksgemeinschaft“, Verrat an jener und Zerfall derselben in seinem Buch „Mein Kampf“ immer und immer wieder mit extremen Zuspitzungen.
„Mein Kampf“, das nach dem gescheiterten Putschversuch 1923 während einer Festungshaft in Landsberg entstand, war neben Hitlers politischen Sichtweisen vor allem eine Autobiographie, auch wenn hie und da lange Abschweifungen und Überlegungen zu diesem und jenem Thema zu finden sind. Wie sehr Hitler im Rausch damaliger Ressentiments war, wird vor allem klar wenn man die Passagen zum Kriegsbeginn 1914 und zur Kriegsniederlage 1918 liest, in denen o.g. Deutungsmuster aufgenommen und radikal formuliert wurden. Hitler erlebte den Kriegsbeginn 1914 in München, schloss sich in der Euphorie des Kriegsbeginns den Truppen an, wurde 1916 verwundet, wieder eingesetzt und erlangte in der Schlussphase die berühmte Verletzung durch einen Gasangriff, sodass er das Ende in einem Lazarett erlebte
Als maßgebliches Werk über Adolf Hitler sei „Hitler“ von Ian Kershaw empfohlen.

Hitlers Hass, den er mit anderen völkisch denkenden Nationalisten teilte, richtete sich vordergründig gegen Juden. Ein Zitat aus seinem Werk ist:

„Je mehr ich mir in dieser Stunde über das ungeheure Ereignis klar zu werden versuchte, umso mehr brannte mir die Scham der Empörung und der Schande in der Stirn. In diesen Nächten wuchs mir der Hass gegen die Urheber dieser Tat.“

Wer waren die Urheber?

Ein weiteres Zitat: „Mit dem Juden gibt es kein Paktieren, sondern nur das harte Entweder oder. Ich aber beschloss Politiker zu werden.“

Sein Entschluss eine politische Karriere zu beginnen, wurde in dieser autobiographischen Selbststiliserung mit seiner Wahrnehmung der Kriegsniederlage verbunden und durch ein völkisches Bewusstsein abgerundet.

Für die weitere Radikalisierung des völkischen Bewusstseins in Deutschlands war neben der Kriegsniederlage auch die nachfolgende Revolution elementar. Dazu trat der „Schmachfrieden von Versailles“, der ebenfalls einen erheblichen Teil dazu beitrug. Übrigens wurde die darauf reagierende Revisionspolitik in breiter Masse Deutschlands geteilt, vordergründig aus Vernunftgründen. So äußerte sich auch der spätere Reichskanzler Gustav Stresemann mit: „Wir müssen zwar dem Versailler Vertrag akzeptieren, aber längerfristig die Revision einreichen.“

Neben der Radikalisierung entwickelte sich auch eine zunehmende Gewaltbereitschaft – Gewalt wurde zu einem Mittel politischer Auseinandersetzung.

1918/19 erreichte Deutschland bürgerkriegsähnliche Zustände: mordende Freikorps, Straßenschlachten, Spartakusaufstand – wachsende Gewaltpotentiale wurden erkennbar, die sich ganz deutlich im Lager des völkischen Nationalismus ausbreiteten und von einer Zeit massiver politischer Gewalt gefolgt wurden.

Auch dazu wieder Literatur:

Dirk Schumann: Politische Gewalt in der Weimarer Republik 1918 und Andreas Wirsching: Vom Weltkrieg zum Bürgerkrieg. Politischer Extremismus in Deutschland und Frankreich 1918 – 1933/39
Wirsching verweist u.a. darauf, dass wir es nicht nur mit einem deutschen Phänomen zu tun haben und richtet seine Aufmerksamkeit auch auf den italienischen Faschismusaufstieg unter Mussolini.

Aber woher kam auf einmal diese Gewaltbereitschaft?

Als elementarer Faktor kann die Kriegserfahrung, insbesondere der deutschen Soldaten, betrachtet werden. Die im Schützengraben kauernden Soldaten, extremster Gewalt, Angst und körperlichen Grenzen ausgesetzt, erlebten über vier Jahre hinweg Brutalisierungserfahrungen, welche logischer Weise Prozesse freisetzten, die ihre Schwellen zur Gewaltbereitschaft senkten und sie gegenüber der Anwendung von Gewalt extrem abstumpfen ließen.

Aber wie kann das auf die jungen nationalsozialistischen Kohorten übertragen werden?
Die These der „unmittelbaren Kriegserfahrung“ lässt sich nicht ohne weiteres auf sie anwenden. Spätere SS-Vertreter wie Heinrich Himmler (geb. 1900), Reinhard Heydrich (geb. 1904) oder Adolf Eichmann (geb. 1906) lagen nämlich nicht in Schützengräben.

Die plausibelste Erklärung ist, dass die Enttäuschung über die versäumte Gelegenheit in diesem Krieg aktiv zu werden, zu einer massiven Kriegsbereitschaft in den Freikorps oder anderen paramilitärischen Organisationen wie der SA und der späteren der SS führte. Personen mit akademischen Hintergrund entwickelten ihre Gewaltbereitschaft, da sie eben nicht in diesem Krieg mitgemischt haben. Eine sodann angewandte Gewaltbereitschaft kompensierte nicht nur das Verpasste, sondern unterstrich auch ihr nationales Engagement.

Diese Aggression entlud sich zunächst in einer hasserfüllten Bekämpfung der Weimarer Republik. Jedoch gingen Gewaltexzesse nicht nur von rechtsextremen, sondern ebenso von linksextremen Lagern aus. So gehörten zu diesem anfänglichen Bürgerkrieg insbesondere zwei sich bekämpfende Gruppierungen: Die NSDAP und die Kommunisten. Jedoch sei das der Vollständigkeit halber nur am Rande erwähnt und weiterhin der Fokus auf die Rechtsextremen gerichtet.

So setzten rechtsradikale Nationalisten Freikorps zur Ermordung von Kommunisten und anderen politischen Gegnern ein. Zu ihren Opfern zählten auch die aufstrebenden Politiker Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. 1921 entstand die SA als weitere paramilitärische Zelle.

Einschlägige Literatur zu der SA: Peter Longerich: Die braunen Bataillone. Geschichte der SA.

Darüber hinaus gab es eine terroristische Vereinigung „Organisation Consul“, die für eine ganze Reihe von politischen Ermordungen in der frühen Republik verantwortlich waren.

Es entstand eine regelrechte Gewaltspirale. Immer wieder traten Unruhe- und Aufstandsversuche auf – der Ruhrkampf 1923, Aufstände von Kommunisten in Sachsen und Thüringen und der Hitlerputsch im selben Jahr seien dazu genannt. So kann man festhalten, dass Deutschland in den ersten vier Jahren seiner republikanischen Existenz überhaupt nicht in der Lage war sich zu stabilisieren. Man wurde permanent belagert und bürgerkriegsähnliche Zustände sorgten für ständige Nervosität.

Adolf Hitler schloss sich zunächst kleinen Splitterparteien rechtsradikaler Couleur an. Darunter auch der DAP 1919, die von dem Münchner Handwerksmeister Anton Drexler gegründet wurde. Solche Splitterparteien gab es damals wie Sand am Meer, wobei die DAP als besonders radikal galt. Als Hitler eintrat gab es gerade mal einige wenige dutzend, später etwa hundert Mitglieder. In dieser kleinen Formation stieg Hitler relativ schnell in der Hierarchie auf, was durch sein Volks-rhetorischen Talent begründet war. Doch nicht nur dort wurde man schnell auf Hitler als rhetorisches Genie aufmerksam. Später avancierte er zum obersten Parteirhetor der NSDAP, der auf Kundgebungen und ähnlichen das Wort ergriff, gewählt.

Mit der Umbenennung der DAP zur NSDAP wurde ein 25 Punkte Programm*** erwirkt.

Ausgangspunkte für dieses Programm waren einmal mehr die Kriegsniederlage und Versailles. Thematisiert wurden vor allem Verantwortung und Schuld, die zu der „Knechtung des deutschen Volkes“ führten. Das bedeutete eine geschickte Themenwahl, denn damit befand sich die NSDAP in breitestem politischem Konsens.
Weniger entscheidend waren für die Propaganda die Verteuflung von Reparationen oder der Kriegsschuldzuldzuschiebung auf Deutschland durch den Versailler Vertrag, sondern vielmehr der nationale Konsens.
Ein sukzessiver völkisch-rassistischer Antisemitismus qua „Nur Deutsche können Volksgenossen sein. Der Jude kann kein Volksgenosse sein. [ergo auch kein Staatsbürger]“ war der zentrale Ton des Manifestes.

Hinzu kam die Propaganda des Lebensraumdenkens: Das deutsche Volk brauche Lebensraum, gerade wegen der demographischen Entwicklung mit steigenden Geburtsraten. Im Zuge des ersten Weltkrieges gingen Kolonien, insbesondere in Afrika, verloren, wodurch sich auch der Lebensraum verringerte. Jedoch zielte die Propaganda eher auf Kolonialisierung im Osten Europas, um diesem Bevölkerungsanstieg erfolgreich zu begegnen

Weiterhin vertrat die NSDAP „wichtige“ sozialistische Elemente in ihrem Parteiprogramm. Dazu zählten u.a. eine Verstaatlichung von Großbetrieben und die Idee einer Bodenreform im ländlichen Bereich – insbesondere dem ländlichen Großbesitz im ostelbischen Deutschland. Durch diesen und anderen Inhalt bekam das Ganze den Anstrich eines politischen Gemischtwarenladens, in welchem Punkte aufgeführt wurden, die für eine breite Wählergruppe attraktiv waren. So wurden bäuerliche Interessen unterstützt, der gewerbliche Mittelstand (Handwerker) angesprochen und die Förderung der Kleingewerbe durch Zerschlagung der (jüdischen) Großwarenhäuser versprochen. Als Kernelement blieb jedoch der völkische Nationalismus, respektive der Antisemitismus im Zentrum.

Das Programm schloss mit: „Die Führer der Partei versprechen wenn nötig unter Einsatz des eigenen Lebens für die Durchführung der vorstehenden Punkte rücksichtslos einzustehen“

Wir befinden uns nun in der Situation 1920, an welcher ich in der kommenden Woche anknüpfen werde. Dazu werde ich die Frage „Warum eigentlich die NSDAP und nicht irgendeine andere dieser zahllosen Parteien rechtsradikaler Natur?“ zu klären versuchen.

Mit diesem „cliffhanger“ Danke ich euch für die Aufmerksamkeit!

Melvin

*Wenn sie überhaupt golden gewesen sein sollten. Im Übrigen träfe ein Jahrfünft, 1924 – 29, besser zu.
**Das macht Adolf Hitler zur wichtigsten Figur in der Entwicklung des NSDAP.
*** Parteiprogramm, kann man überall im Internet usf. finden

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